Wegen der Paywall packe ich mal das komplette Interview hier rein.
»Jetzt hole ich mir Gigi zurück«
SPIEGEL:
Herr Fischer, wie funktioniert ein Ohrwurm?
Fischer:
Ein Ohrwurm bietet gleichzeitig Wiederholung und einen Überraschungseffekt. Nehmen Sie zum Beispiel »As It Was« von Harry Styles
- (er singt) ...as it was, as it was, as it was, you know it`s not the same...
- da wird nicht nur der Text wiederholt, sondern auch die Melodie. Und nach der dritten Wiederholung geht es dann, Überraschung, in eine ganz andere Tonfolge. Oft ist das das Geheimrezept. Dann kommt noch dazu: Lässt sich der Text gut merken? Ist die Melodie eingängig? Und vielleicht sogar tanzbar?
SPIEGEL:
Funktioniert deswegen »L`amour toujours« von Gigi D`Agostino so gut?
Fischer:
Bestimmt. Hier bietet die Melodie im Refrain eine rhythmische Tonfolge, einen fett klingenden Synthesizer, das lädt zum Fankurven-Gesang ein. Obwohl es an dieser Stelle nicht mal einen Text gibt.
SPIEGEL:
Statt »Döp-dödö-döp« singen Rechtsextreme die Parole »Ausländer raus«.
Fischer:
Genau, weil es zur Silbenfolge passt. Es ist eine klassische Strategie der Rechten: Sie setzen sich auf coole, schöne Kulturprodukte drauf und benutzen sie für ihre Zwecke. Ich bin auf diese Umdichtung erst jetzt aufmerksam geworden und war fassungslos. Mein erster Gedanke war: Denen geht es offenbar zu gut.
SPIEGEL:
Auf Instagram haben Sie wenige Tage später eine Art Gegenmittel veröffentlicht: »Nazis raus«, gesungen über den D`Agostino-Hit »Bla Bla Bla«
. Sie sagen in dem Video: »Was diese jungen Rechten auf Sylt können, das kann ich hier in Berlin auch - aber andersrum«.
Fischer:
Das war ein logischer Schritt, ich wollte irgendwie öffentlich darauf reagieren. So viele Leute beschwerten sich nach dem Sylt-Video: »Ach Mensch, jetzt habe ich diesen Ohrwurm, das ist so fürchterlich, der arme Gigi D`Agostino«. Ich dachte: Alles klar, dann hole ich mir Gigi jetzt zurück.
SPIEGEL:
Mit einem neuen Ohrwurm.
Fischer:
Mit einem Konter-Ohrwurm! D`Agostino verwendete für »Bla Bla Bla« Vocal-Samples aus einem Funk-Song. Ich habe stattdessen die Silben »Na-zis-raus-fick-die-AfD« aufgenommen und das Stück aus diesen Versatzstücken zusammengepuzzelt. Das Schöne an dem Song ist, dass das Sample so laut ist, so energetisch und aggressiv - das passte perfekt: Gegen Nazis muss man schließlich laut sein.
SPIEGEL:
In der Vergangenheit waren Sie mit Comedy erfolgreich: 2010 mit Stimmenimitationen, ein paar Jahre später mit einer Swing-Parodie des Songs »Chabos wissen, wer der Babo ist« von Rapper Haftbefehl. Vor einigen Wochen gingen Sie und Bodo Wartke mit dem Zungenbrecher-Hit »Barbaras Rhabarberbar« weltweit viral. Was ist das Geheimnis?
Fischer:
Zu »Chabos wissen, wer der Babo ist«: Das ist mir bis heute unerklärlich. Zu »Barbara«: Es heißt immer, die deutsche Sprache sei so hart und aggressiv - und dann kommen wir damit um die Ecke, und es klingt plötzlich ganz anders.
SPIEGEL:
Ein Überraschungsmoment.
Fischer:
Es ist mit »Barbara« wie mit allen großen Hits: Am Anfang war es keiner, dann ist es explodiert.
SPIEGEL:
Wollen Ihre neuen Fans jetzt wirklich politisches Zeug hören?
Fischer: Ich habe zu »Nazis raus« viel positives Feedback bekommen: »Endlich bin ich den Ohrwurm los!«, zum Beispiel. Selbst der Rapper Haftbefehl hat kommentiert: »Babo Shit«, Daumen hoch, Herz-Emoji. Der Kreis schließt sich mal wieder.
SPIEGEL:
»Mein Lied handelt von der Liebe«, sagte Gigi D`Agostino dem SPIEGEL
. Haben Sie mit ihm über Ihren Konter-Ohrwurm gesprochen?
Fischer:
Nein, ich musste schnell handeln - um den Brand noch löschen zu können, oder ihn zumindest einzudämmen. Man kann den Song zwar in meinem Shop kaufen, ich will daran aber nichts verdienen. Die Einnahmen sollen einem Verein oder einer Organisation gegen rechts zugutekommen.
SPIEGEL: Vom Oktoberfest wurde »L`amour toujours« schon verbannt, auch in der »Pony Bar« auf Sylt werden sie ihn wohl so schnell nicht mehr spielen. Haben Sie denen »Nazis raus« schon als Alternative angeboten?
Fischer:
Gute Idee! Aber wenn er bei Spotify ist, können sie ihn eh benutzen, es würde mich freuen.
SPIEGEL:
Was würden Sie den feiernden jungen Leuten aus dem Sylt-Video gern sagen?
Fischer:
Ich wünsche ihnen Einsicht, Läuterung, zumindest ein schlechtes Gewissen.
SPIEGEL:
Sie halten die Gruppe nicht für stramme Rechte?
Fischer:
Ich hoffe einfach, dass die ein bisschen blöd sind. Oder sich womöglich nur auflehnen gegen ihre politisch anders - linker - denkenden Eltern? Ist vielleicht eine steile These.
SPIEGEL:
Hatten Sie selbst eigentlich auch einen »L`amour toujours«-Ohrwurm?
Fischer:
Von der Sylt-Version? Leider ja, das war unvermeidlich. Ich habe mich dabei erwischt, wie ich plötzlich diesen unsäglichen Text in meinem Kopf hatte, ich musste meinem Gehirn auf die Finger hauen. Das ist gerade das Perfide: Man kann sich nicht dagegen wehren, was automatisch im Kopf passiert. Aber man kann seinen Menschenverstand benutzen, um ein wenig weiterzukommen.
SPIEGEL:
Was ist der beste Ohrwurm, den Sie kennen?
Fischer:
Grad vorhin hätte ich mir beinahe einen neuen herangezüchtet: »Hypnotize« von The Notorious B.I.G. Im Rap gibt es viele Ohrwürmer, gerade in den Hooks.
SPIEGEL:
Und wie wird man so einen Ohrwurm wieder los?
Fischer:
Ich glaube, indem man sich den Song einmal komplett anhört. Erst dann kann das Gehirn mit dem Ding abschließen.
Quelle:
https://www.spiegel.de/kultur/sylt-musiker-und-creator-marti-fischer-ueber-das-gegenmittel-gegen-den-lamour-tourjours-ohrwurm-a-97d455fe-b712-4f80-b612-177a7f31295a?utm_source=dlvr.it&utm_medium=twitter#ref=rss